Textbeitrag von Stefanie Wusitsch

‘Sch‘. Das ist das erste Geräusch, das Du in Deinem Leben wahrgenommen hast, ‘sch‘. Als Fötus, im Bauch Deiner Mutter. Du erinnerst Dich: Es war weißes Rauschen vom Feinsten, die Gehörschnecken gerade erst geschlüpft, die Neuronen frisch gestrichen, nichts fertig entwickelt. Als Test-Signal hat dein Gehirn da das ‚Schhhhhhhh’ gesendet. Diesem Rauschen können wir wieder begegnen, sobald wir in der Welt sind, im Wald, am Meer oder in Lindabrunn. Dort haben achtzehn Künstler und Künstlerinnen in das Undurchdringliche hineingelauscht und die Resultate in einer Ausstellung mit dem Titel ‚From Nothing to Something‘ präsentiert. Doch vorerst zurück in den Uterus. Aus einem nicht abgrenzbaren Meer aus Frequenzen kristallisieren sich bald Klicksen, Glucksen und Klopfen. Überraschend manifestieren sich in unserem Meer im Anschluss Bojen aus schwingend oder schnalzenden Partikeln. Sound Partikel, die Du wieder erkennst, wie einen Rhythmus, den Du verinnerlichst, wie einen Herzschlag oder den pumpenden Darm. Von den menschlichen Stimmen außerhalb des Bauches, in dem der Embryo haust, empfindet er zunächst nur die tief-frequentierten, die männlichen Stimmen. Und die der Mutter. Diese sich wiederholenden Geräusche drangen auch zu Dir durch. Danach selektiert dein Gehirn für Dich Inseln aus Mustern. Inseln aus vielen zusammengesetzten Mustern, an denen Du Dich kognitiv festhalten kannst. So stark verinnerlicht hast Du diese Geräusch-Inseln dann nach neun schönen Monaten, dass Dein Gehirn später das Vernehmen von nur annähernd gleichen Geräuschen als tiefstes Glück empfinden wird. Ein unaussprechlich wonniges, ruhiges Wiederfinden im Rauschen. Es funktioniert jenseits unserer täglichen Analysen und logischen Zerfräsungen. Erreichen können wir es nur durch künstlerische, digitale, mediale Praxis. Die Kognition war in der Zwischenzeit nicht faul, sie konstruiert aus den Stimuli eine Sinneswahrnehmung. Die können wir streberhaft verbalisieren, weitergeben und lebenslang lang kultivieren: Tonfolgen, Klänge, Harmonien, Geräusche. Wir verbinden Sie emotional mit unserem Selbst. Wir verbinden sie mit unseren Erinnerungen, mit dem, was in unserem Leben passiert ist. Das ganz leise Singen vom Einschlaflied, das zukunftsträchtige Düdeln eines Modems in den 1990ern. Die defekte Waschmaschine. Die Radio Jingle. Der erste smarte Klingelton. Wenn Du jemand anderer wärst, eine die an einem Ort lebt, an dem noch keine Modems gibt oder keine Modems mehr gäbe, sondern viel mehr indonesische Gamelan-Klänge oder islamische Gebete, dann hätte Dein Gehör wohl diese Geräusche als Form erlernt und mit Vertrautheit verknüpft. Du hättest Dich auch diesen Formen nicht entziehen können, sie wären Dir lieb und teuer geworden, würden Dich mit Behagen an Deine Vergangenheit erinnern und eine gewissen Kontinuität bedeuten. Form ist die Illusion von der berechenbaren Kontinuität, Wiederholung, Verknüpfung, mit der wir unser Ich-Gefühl ausstopfen. Doch es ist immer eine streng limitierte Kontinuität, sie hat einen Anfang und ein Ende, sodass die Bezeichnung eigentlich nicht zutrifft. Deshalb sagen die Buddhisten und Buddhistinnen FORM IS EMPTINESS - EMPTINESS IS FORM (im heart sutra). Unsere Wahrnehmung von Entropie, vom gedächtnislosen Zerfall, bedingt, wie wir Formen und Kategorien erlernen. Die Formen und Kategorien bedingen, ob wir in der Entropie verweilen können oder sie ganz verbauen. Entropie und Form sind sich gegenseitig bedingende Konstruktionen. Im Meer ist die Boje nur temporäres Festland, das Meer für die Boje zweitklassige Materie, die sie überwunden hat.

Unser Körper ist ein Instrument, das hyper-sensitiv spürt, welches Rauschen, welche Welle ihn umgibt. Mittels selbstgebastelter Fühler aus High-Tech kann der Körper ein großes Spektrum an Signalen entschlüsseln. Rate mal. Hast Du das schon einmal gehört? Was verdient die Aufmerksamkeit? Deine werte Aufmerksamkeit, also das erste Bündeln von ungeordneter Geistesgegenwärtigkeit, ist wie eine Keksform. Besonders die künstlerische Aufmerksamkeit ist wie eine Keksform. Eine Keksform, die rabiat in den Teig des Rauschens, der Entropie gerammt wird. Hier ist der Keks, na bitte, hab ja gesagt, hier sind die Kekse. Nein. Stattdessen, ohne Keksform den Teig einmal sitzen lassen, beobachten, Veränderbarkeit und Flüchtigkeit von Mehlpartikel zulassen, auf sich wirken lassen. Und nun, wo wir uns in diesem Wahrnehmungsbrei wiederfinden, in diesem Teig, dieser entropischen Umgebung, die sich mit uns als Zeuginnen abfindet, sind wir endlich bereit, den ständigen Wandel darin zu sehen. Ja, der Teig fermentiert, streut, bläht sich auf oder fällt exponential in sich zusammen. Wir erfreuen uns erleichtert und unbeteiligt an diesem konstanten Wandel. Es heißt weiter im ‘heart sutra‘:

In the same way, feeling, discrimination, compositional factors, and consciousness are empty.

Wirklich? Empty? Leer? Ja, aber das gibt uns endlich Raum für Zufall, Improvisation, Spontanität und Eigenwilligkeit, Unberechenbarkeit, messerscharfe Beobachtungen, unzähmbare Kreativität.

Oder: Wir können es nicht. Wir können uns mit der Leere nicht anfreunden. Wir müssen Dinge hineinlesen, wir müssen verstehen wollen, aus kognitiver Erfahrung heraus interpretieren und Sinn finden, als ob‘s um unser Leben ginge. Wir lesen Geschichten in das Nichts und seinen Zerfall hinein. Dabei spiegeln wir uns eigentlich nur selbst in der Entropie, oder? Sie lässt alles zu an möglichen Zusammensetzungen, selbst das unwahrscheinlichste (z.B. die Verdopplung meiner Selbst). Ich projiziere mich und meine Formen hinein in die Leere. Hier höre ich klar einen Unterschied, dort eindeutig eine Grenze und da besteht bestimmt irgend eine Beziehung, ein Loop, ein Ton, ein Akkord! Da ist eigentlich keine Symmetrie, aber eine spontane, zufällige Zusammensetzung, die wir nützen, um uns selbst zu sehen (Liebe Grüße von Cage). Wir sehen uns selbst gespiegelt in der undurchdringlichen Oberfläche der Entropie.

Außer unserer Körper, die erlernen, Naturgesetze intuitiv zu integrieren um in der Welt zu überleben, gibt es dann noch unseren Willen, der die Grenzenlosigkeit, Leere, das Chaos und die Entropie widerborstig, gegen die erlernte Wahrnehmung verteidigt. Die Künstler*innen dieses Katalogs überwinden die Erwartungen ihrer Körper und kulturellen Einschreibungen, bauen sich stattdessen feinere Ohren und Augen, schärfere Sensorik, bürsten sie gegen den Strich, um dann das Gegebene unvoreingenommen betrachten zu können. Dieser Zustand ist privilegiert und doch die günstigste Ausgangsposition, um über sich selbst hinauszuwachsen. Um unseren real existierenden flüchtigen Freiraum erkennen zu können.