Ist - war - ist gewesen_01

Claudia Heinze

„Ist – war – ist gewesen_01“ ist ein Denkmal für den Augenblick – eine Momentaufnahme – eine Geste wider dem Verfall.

Das Skelett eines abgestorbenen Kirschbaums wird in seiner Zerlegung durch die Zeit durch „farbliche“ Herauslösung aus seinem Umgebungshintergrund ein Stück sichtbarer gemacht – eine vorwiegend sinnlich erfahrbare künstlerische Arbeit als organisches Versuchslabor. Begleitet und dokumentiert wird der Prozess des Zerfalls für den Zeitraum eines Jahres.

Bäume sind seit langem Thema meiner fotografischen Arbeit. Sie sind hoch soziale Wesen und Repräsentanten groß angelegter unterirdischer Netzwerke über die sie miteinander kommunizieren. Sie nutzen weitreichende Wurzelsysteme zum Informationsaustausch, unterstützen einander bei Erkrankungen und leisten im Notfall auch über Duftsprache Nachbarschaftshilfe. Forstwissenschaftler bezeichnen diese Art der Verständigung nicht um sonst „Wood Wide Web.“

Gewählt wurde ein Objekt an einem signifikanten Kreuzungspunkt im Herzen des Skulpturenparks Lindabrunn. Durch Sumpfkalkanstrich visuell aus seinem Umfeld geschält gleicht es dem Gerippe einer archäologischen Ausgrabung. Im landschaftlichen Naturgefüge wirkt die weiße Skulptur grotesk und erinnert in ihrer nackten und geisterhaften Erscheinung an die japanische Ausdrucksform des Butoh – dem Tanz der Finsternis wie er ursprünglich bezeichnet wurde. Thematisch setzt sich dieser mit polaren Gegensätzen wie Bewegung und Stille, Einatmen und Ausatmen oder dem Werden und Vergehen auseinander. Die TänzerInnen scheinen wie Wesen, die aus dem Totenreich zurückkehren. Die weiße Körperbemalung, die bei den Darbietungen zur Anwendung kommt, soll mit der menschlichen Asche nach dem Ableben assoziiert werden und dient den KünstlerInnen als Maske und Kostüm. Das Streichen des Baums entwickelte sich zu einem performativen Akt. Interessiert wohnten WochenendbesucherInnen auf Picknickdecken und in Liegestühlen sitzend dem stillen Prozess bei.

Primäres Ziel der „farblichen“ Differenzierung war es, Fundstücke, die diese stoffliche Auflösung dokumentieren, als solche erkennbar zu machen um deren Bewegungen rund um das Objekt und durch das Symposiumsgelände verfolgen zu können. Vollzieht sich dieses Geschehen, wenn es zu keinen größeren Einwirkungen von außen kommt, tatsächlich in scheinbar unendlicher Zeitlupe? Wie weit werden Vandalismus und jahreszeitbedingte Einflüsse wie die der Herbststürme diesen Verlauf beschleunigen? Warum zeigt der Eingriff, so große visuelle Wirkung? Die Pflanze, die sich durch den Verlust der Blätter und den Wandel des saftigen Brauns der Rinde in ein fahles Grau immer mehr der Wahrnehmbarkeit entzieht, wird wieder sichtbar gemacht. Sie gewinnt wieder an Bedeutung, wird zu etwas Besonderem – „From Nothing to Something.“